Trauern    (Joh 16,4-6)

Bisher habe ich nicht mit euch darüber gesprochen, weil ich ja bei euch war. Aber jetzt gehe ich zu dem, der mich gesandt hat. Und keiner von euch fragt mich: Wohin gehst du? Denn ihr seid erfüllt von tiefer Traurigkeit über das, was ich euch sage. Doch glaubt mir: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. (Joh16,4-6)

 

Hallo Du,

es ist eine Binsenwahrheit: Das Leben beinhaltet Höhen und Tiefen. Das ist nun mal so. Auf die schmerzenden und verunsichernden Tiefen würden wir gerne verzichten, doch gerade sie brechen etwas in uns auf. Sie führen und in mehr oder weniger starkes Trauern.

Sie führen aber auch zur Besinnung und Überprüfung des Seins und Geschehens, des eigenen Verhaltens, der eigenen Wünsche und Hoffnungen, der eigenen Einstellungen, Erwartungen, Ansprüche und Ziele, der gemachten Fehler und deren vermutlichen Ursachen und Auswirkungen, dem möglichen Anteil, den wir Bewusst oder unbewusst daran hatten. Daraus lernen wir. Daraus entstehen einprägsame, verändernde Lebenserfahrungen.

Sie ermöglichen, Altes loszulassen und Neues anzunehmen. Sie führen zu Veränderung im Gewohnten oder Festgefahrenen. Sie bewirken wachsen und reifen. Sie sind nötig um das Weiterleben, das Überleben zu garantieren. Sie stellen uns vor die Wahl, entweder zu hoffen und die Zukunft klüger mitzugestalten oder aber zu resignieren und in Selbstmitleid zu versinken.

Ich erkenne drei Ursachen fürs Trauern:

1. Wir erleben einen plötzlichen, einschneidenden und unverständlichen Verlust an Sicherheit und Geborgenheit, oder an Heimat und Eigentum, oder an Ehre, Ansehen und Prestige und reagieren emotional und seelisch darauf.

2. Wir selbst oder ein uns vertrauter Mensch werden plötzlich sehr krank und es drohen Siechtum oder gar Tod.

3. Wir haben einen vertrauten und geliebten Menschen durch Tod oder Trennung verlorenen.


Wir hadern mit dem eigenen Schicksal oder dem von uns nahe stehenden Menschen.

Wir trauern aus Anteilnahme und Verbundenheit und zeigen darin Liebe und Treue.

Wir trauern aber auch wegen der schicksalhaft erzwungenen Veränderung des uns Gewohnten und Bequemen, des Liebgewonnen, des mühsam Erreichten. Wir leiden unter dem plötzlichen Zwang zur eigenen Umstellung.

Da Leben aus Werden und Vergehen besteht, aus ständiger Anpassung und Weiterentwicklung, aus stetiger Veränderung und Erneuerung, sind für mitfühlende Menschen Freude und Trauer ständige Begleiter.

 

Wie erleben wir Trauer? Was geschieht dabei mit uns?

Zunächst sind wir schockiert. Wir wollen nicht wahrhaben, was geschehen ist.

Dem Schock folgen Traurigkeit und Schmerz, emotionale Niedergeschlagenheit und mangelnde Lebensfreude. Irgendwie fühlen wir uns gekränkt oder verletzt und leer. Wir Hadern mit dem Schicksal, entwickeln Zukunftsängste und reagieren mit seelischem Rückzug.

Wir leiden unter Desorientierung, Schlafstörung, Vergesslichkeit, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Konzentrationsmangel und Lethargie. Wir fühlen uns unwohl und müde, niedergeschlagen, verlassen und irgendwie schuldig.

Und all das ist völlig normal. Es gehört zum Trauern, zu dem Prozess von Verarbeiten, Bewältigen und Überwinden des Verlustes. Trauern dient dem Ablösen, dem ‚Sich neu finden‘, dem ‚Wieder zu sich finden‘, dem Weiterleben.

Unsere Wunden brauche Zeit, zu heilen, sich damit abzufinden, sich mit dem Verlust zu versöhnen, sich wieder dem Hier und Jetzt zuzuwenden und den Blick darüber hinaus in die Zukunft zu richten, um sie mit wiedergefundenem, seelischem Gleichgewicht, mit Vertrauen, Freude und Lebensmut anzugehen.

Wie reagierst du auf Verlust?

Stürzt du dich in Aktivitäten, um dich abzulenken, um den Schmerz zu verdrängen und um zu vergessen?

Oder ziehst du dich zurück? Kreiseln Erinnerungen in deinem Kopf, die das Verlorene oder die Verlorenen in Gedanken, Bildern und Gefühlen in Verbundenheit zurückholen?

Das ist vorübergehend Balsam für die geschundene Seele.

Doch darin wird auch bewusst, dass das Geschehene endgültig ist, dass die Realität anders ist, dass eine Verbindung zerschnitten wurde. Und diese Erkenntnis löst Bedrückung, Ohnmachtsgefühle, Depression und Wut aus und kann zu Suche nach Schuldigen, zu Klage, Anklage und Selbstbeschuldigung führen.

Oder willst du dir deinen Kummer von der Leber reden? Suchst du das Gespräch mit Familienmitgliedern, mit Freundinnen und Freunden oder mit anderen Menschen deines Vertrauens, bei denen du vorübergehend Verständnis, Zuwendung und Halt findest, bei denen du in deinem Schmerz und deiner Gram nicht alleine bist, bei denen du dein Leid teilen und halbieren kannst.

Trauern ist ein innerer Prozess, der im Kopf beginnt und bis in jede Körperzelle wirkt. Trauern ist Inventur und Standortbestimmung. Es erfasst und prüft, es verwirft und/oder ergänzt und ordnet neu.

 

Der Verstand will den Verlust nicht Wahrhaben und verleugnet ihn. Er reagiert mit: „Es darf nicht wahr sein.“ oder mit: „Das ist nur ein böser Traum!“ Doch die Realität ist nicht zu täuschen. Sie ist ernüchternd und macht empfindungslos und starr vor Entsetzen.

 

Danach, in Erkenntnis der eigenen Ohnmacht, brechen heftige Emotionen auf. Trauer, Wut, Freude Zorn, Angst und Ruhelosigkeit beherrschen die Trauernden und rauben ihnen die Ruhe und den Schlaf.

Es werden Auswege gesucht, auch Schuldige. Im Hadern mit dem Schicksal treten auch Schuldgefühle auf. Habe ich vielleicht dazu beigetragen? Was hätte man/ich dagegen tun können oder tun müssen? Gab es vielleicht noch Probleme oder Streitigkeiten, die hätten geklärt und beigelegt werden müssen?

 

Gräme dich nicht. Das hilft nicht weiter. Bereinige, was noch zu bereinigen ist. Spreche nachträglich mit der/dem Verstorbenen und erzähle ihr/ihm, was dich bedrückt oder quält, was dir Leid tut, was du nun anders machen würdest.

Unterdrücke deine Gefühle nicht. Weine über den Verlust. Freue dich über gemeinsam geteilte Wonne. Erlebe deinen Schmerz und deine Aggressivität, damit du nicht in Depressionen versinkst.

 

Deine Mitmenschen werden dich verstehen und darin deine Ohnmacht, aber auch deine Liebe und Suche erkennen und dir beistehen, sofern du es zulässt.

 

Diese perspektivlose Aufgewühltheit ist die unangenehmste Phase des Trauerns. Im Rückzug und in mühsam aufrechterhaltener Selbstkontrolle gleitet man allzu leicht in Hilflosigkeit und Isolation ab,

denn allzu schnell werden Entgegenkommen und Hilfe von Freunden oder Verwandten abgewiesen, obwohl man sich die gerade wünscht.

Diese anstrengende Phase führt aber auch dazu, dass man in ihr nach Klärung und Orientierung sucht, nach seelischem Gleichgewicht und anhaltendem Frieden.

 

Das führt in stillere Fahrwasser. Die Auseinandersetzung mit dem ‚Schlimmen‘ ist nun nicht mehr chaotisch. Das ‚Ereignis‘ wird in Träumen oder Gesprächen, in wiederholt durchlebten Situationen oder Gefühlen anhand von Bildern, Erinnerungen und Gegenständen abgearbeitet und dann als Lebenserfahrung für künftige Probleme abgespeichert. Damit löst man sich von den aktuellen Bedrängnissen und wird wieder offener.

 

Gestorbene oder getrennte Partner bzw. Partnerinnen werden zu inneren Begleitern, mit denen eine neue, andere Beziehung besteht, mit denen man nun vertrauensvoll spricht und sich berät. Die Zurückgebliebenen erkennen, dass Liebe nicht vergeht, dass es andere Formen dafür gibt, dass sie auch in treuem Andenken besteht.

Und sie erkennen auch, dass der/die Gegangene immer noch das Beste für die Trauernden möchte, nämlich dass sie aus der Krise lernen und darin reifen, dass sie wieder leben, erleben und lieben und dass er sich darin weiterentwickeln. Weiterleben erfordert Teilnahme am Leben.

Auch wenn das Leben weitergeht, wird man Geliebte nicht vergessen. Die nun freundschaftliche Verbindung ermöglicht ein Loslassen. Das Vergangene schmerzt nicht mehr und beherrscht nicht mehr das Denken. Gereift und mit neuem Selbstbezug wird der Verlust akzeptiert. Das Leben geht endlich weiter.

Langsam kehrt man zurück ins Leben und ist bereit, neue Aufgaben anzunehmen, neue Beziehungen einzugehen, neue Verhaltensweisen zu erproben und neue Lebensstile zu entwickeln.

In dem Bewusstsein, dass jede Beziehung vergänglich ist, dass Leben auch Sterben einschließt, dass Verlust zwar schwer zu ertragen, aber überwindbar ist und dass er auch Neues ermöglicht, wird Weiterleben möglich, wird Hoffen wieder wach, wird erkannt, dass der Augenblick, das Hier und Jetzt, wichtig ist und ausgekostet werden sollte. Carpe Diem, nutze den Tag.

r Christen ist der Tod nur der Übergang aus dem weltlichen in das ewige Leben, in ein Leben bei und mit Gott. In seinem Reich, sind wir wieder vereint mit denen, die von uns gegangen waren. In diesem Reich ohne Mühsal und Schmerz leben wir geborgen aus Gottes Liebe, Barmherzigkeit, Güte, Vergebung und Gnade, die auch uns zu eigen geworden sind. Wir glauben das nicht nur, sondern wir sind uns dessen sicher, weil es bereits im Diesseits, im hiesigen Leben begonnen hat.

Der Psalm 30 greift die Auseinandersetzung in einer Krise und die Rückkehr zu erneuertem Leben auf. In den Versen 2 bis 13 heißt es:

Ich will dich preisen, Herr, denn du hast mich aus einem tiefen Abgrund heraufgezogen und meinen Feinden keinen Triumph über mich gegönnt. Herr, mein Gott, im Gebet schrie ich zu dir, und du hast mich geheilt. Herr, du hast mich aus dem Totenreich zurückgeholt und mir das Leben wieder neu geschenkt. Vor dem sicheren Tod hast du mich bewahrt.

Singt und musiziert für den Herrn, alle, die ihr ihm die Treue haltet! Preist ihn, den ihr als den heiligen Gott kennt. Denn nur einen Augenblick dauert sein Zorn, aber ein Leben lang seine Güte. Noch am Abend weinen wir doch am Morgen kehrt wieder Jubel ein.

Als es mir gut ging, war ich sorglos und dachte:»Niemals werde ich zu Fall kommen!«

Herr, du warst sehr gnädig zu mir. Du gabst mir Schutz wie eine sichere Festung auf einem hohem Berg. Doch als du dich vor mir verbargst, da war ich ohne jeden Halt. In meiner Not schrie ich zu dir, Herr, ich rief zu dir um Hilfe: »Willst du, dass mein Leben zu Ende geht und dass man mich zu Grabe trägt? Welchen Wert hätte das für dich? Kann ein zu Staub zerfallener Mensch dich preisen und deine Treue verkünden?

Höre mich doch, Herr, und sei mir gnädig! Herr, sei mein Helfer!«

Ja, du hast mein Klagelied in einen Reigentanz verwandelt! Den Trauermantel hast du mir ausgezogen und mich in ein Festgewand gekleidet. So singe ich von ganzem Herzen zu deiner Ehre nie werde ich schweigen. Herr, mein Gott, für immer und ewig will ich dich preisen!

Und in Joh 16,4-14 bereitet Jesus die Jünger schonend auf seinen bevorstehenden Tod und ihre anschließende Trauer vor. Er möchte, dass sie über das Reale hinausblicken, dass sie in seinem Tod auch das nachfolgende Gute erkennen, dass sie dafür offen bleiben, darauf hoffen, nicht verzagen und es annehmen. Da heißt es:

»Bisher habe ich nicht mit euch darüber gesprochen, weil ich ja bei euch war. Aber jetzt gehe ich zu dem, der mich gesandt hat. Und keiner von euch fragt mich: Wohin gehst du? Denn ihr seid erfüllt von tiefer Traurigkeit über das, was ich euch sage. Doch glaubt mir: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht von euch wegginge, käme der Helfer nicht zu euch; wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden.

Und wenn er kommt, wird er der Welt zeigen, dass sie im Unrecht ist; er wird den Menschen die Augen öffnen für die Sünde, für die Gerechtigkeit und für das Gericht. Er wird ihnen zeigen, worin ihre Sünde besteht: darin, dass sie nicht an mich glauben. Er wird ihnen zeigen, worin sich ´Gottes` Gerechtigkeit erweist: darin, dass ich zum Vater gehe, wenn ´ich euch verlasse und` ihr mich nicht mehr seht.

Und was das Gericht betrifft, wird er ihnen zeigen, dass der Herrscher dieser Welt verurteilt ist.

Ich hätte euch noch viel zu sagen, aber ihr wärt jetzt überfordert.

Doch wenn der ´Helfer` kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch zum vollen Verständnis der Wahrheit führen. Denn was er sagen wird, wird er nicht aus sich selbst heraus sagen; er wird das sagen, was er hört. Und er wird euch die zukünftigen Dinge verkünden. Er wird meine Herrlichkeit offenbaren.

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